Im Land der Störche
Einfach entlang der Elbe zu radeln ist uns doch etwas zu wenig, zumal die “Zugaben” am Wege liegen und diese Tour noch zusätzlich bereichern. Gemeint sind die Landschaften der Lewitz, die Elde-Müritz-Wasserstraße, das Wendland und der östliche Rand der Altmark. Im Mittelpunkt der Tour stehen allerdings zwei, die gut zusammen passen, nämlich die Elbauen und die Störche. Und in diese Gegend, in der der Storch noch nach Herzenslust leben kann, passen auch wir Radler, denn hier finden wir, was wir suchen (sucht der Storch wohl auch): beeindruckende, von Menschenhand lange nicht berührte Auenwälder, kleine Dörfer und wohltuende Ruhe. Lärm und Hetze scheint es hier nicht zu geben. Zur Krönung – die Verantwortlichen an der Elbe haben ein Herz für die Radler – gibt es wunderbare befestigte Radwege, auf denen wir dahin gleiten.
Viele kleine und auch etwas größere Orte durchradeln wir, und ich möchte auf drei besondere näher eingehen: einmal die Stadt Dömitz; sie liegt direkt an der Elbe und die Elde-Wasserstraße mündet hier in sie. In der Dömitzer Festung war der große mecklenburgische Schriftsteller Fritz Reuter inhaftiert. Fritz Reuter schrieb hier sein bekanntes Werk „Ut mine Festungstied“. Sieben Jahre musste Reuter auf verschiedenen Festungen zubringen und seine letzte Festungszeit, die auf der Dömitzer Festung, war sicher die angenehmste, wenn man das überhaupt so sagen kann. Der Festungskommandant hatte mehrere Töchter, die alle sehr schön gewesen sein sollen. In seinem Werk schreibt Reuter: „Min Herr Oberstleutnant hadd en ganzes Nest vull Döchter, ein ümmer schöner as de anner“. In die lieblichste – aus Reuters Sicht – war er schwer verliebt. Sie hieß Frida von Bülow.
Der Stadtkern des Altmarkstädtchens Havelberg wird vollständig von der Havel umschlossen. Ein Brücklein (es gibt noch zwei weitere ausgewachsene Brücken) führt zu dem auf dem „Festland“ gelegenen Dom St. Marien. Der romanische Bau aus dem 10. Jh. ist wuchtig und imposant, und von hier oben gibt es den tollsten Blick auf die Inselstadt.
Dort, wo die Tanger in die Elbe mündet, finden wir die alte Kaiserstadt Tangermünde. Die Altstadt verfügt über eine fast vollständig erhaltene Stadtmauer und die Vielzahl der historischen Gebäude lässt den Reichtum dieser Stadt zu Zeiten der Hanse erkennen.
Immer wieder jedoch sind es die Elbauen, die sich unseren Augen zeigen und mit einer Momentaufnahme, aufgenommen während meiner Erkundungstour, versuche ich zu beschreiben, wie sie sind. Besser gesagt wie sie an dieser Stelle waren, denn sie sind immer wieder neu und anders und nie langweilig. Die Dorfstraße des winzigen Ortes Wanzer – sie verläuft auf einem Vordeichsdamm zu den Elbauen – bot mir zu meiner linken Seite ein typisches, in diesem Fall ein vollendetes Bild der Elbauen. Ein Gelände, aus dem sich das Überschwemmungswasser vor nicht allzu langer Zeit zurück gezogen hat. Gleich hinter den Weidenstämmen, die fünf Meter bis zu ihrem Kopf kahl sind, aber oben schon wieder lang und grün austreiben, sieht man noch die Reste des Rückwassers in einer Senke stehen. Der vom Wasser frei gegebene Boden ist voller Gestrüpp. Neues Leben treibt auch hier hervor und die kahlen Stellen haben schon wieder grüne Inseln. Schwäne und Gänse finden hier alles, was sie brauchen, und nisten in Abgeschiedenheit und im Einklang mit den Dorfbewohnern. Mächtige Pappeln und Erlen komplettieren das Bild. Ach ja, Geräusche gibt es auch. Es sind die Laute der Gänse, es ist das scharfe Bellen der Bleßhühner, es ist der Wind und der Hahn vom Grundstück hinter dem See. Es sind Laute, die zur Ruhe führen und Balsam für unser Gemüt sind.
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