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Das Revier: eine Region im Umbruch

Diese viertägige Radreise führt uns in ein Gebiet, das in den letzten Jahrzehnten einen Strukturwandel erlebt hat, wie er krasser nicht sein kann. Der Umstand, dass ab Ende der 1950-er Jahre die Kohleförderung im Ruhrgebiet stark zurück ging, leitete einen Wandel ein, der alle Lebensbereiche der Menschen erfasste. Als Gründe sind vor allem zu nennen: die hohen Preise der Ruhrgebietssteinkohle aufgrund der sehr aufwendigen Förderbedingungen (die Steinkohle liegt teilweise bis zu 1300 Metern unter der Erde), die Liberalisierung des internationalen Handels — sodass es möglich wurde, an unschlagbar günstige Importkohle heran zu kommen — und eine abnehmende Bedeutung der Kohle als Energieträger.

Öl, Gas, und in letzter Zeit auch die erneuerbaren Energien drängten die Kohle zurück. Es gibt eindeutige Zahlen: in der Mitte des 19. Jahrhunderts — die Kohleförderung war richtig in Schwung gekommen — gab es 280 Schachtanlagen, aber im Jahre 2010 sind es nur noch ganze vier Bergwerke, die aktiv sind. Die Bergwerke, die die Kohle finden und ans Tageslicht fördern, sind das eine. Die Weiterverarbeitung und Nutzung das andere. Hauptsächlich wird die Steinkohle durch ihre Verfeuerung in Steinkohlekraftwerken zur Erzeugung von elektrischer Energie genutzt.

Genauso groß und größer ist ihre Bedeutung bei der Erzeugung von Roheisen. Zu diesem Zweck wurden so genannte Kokereien errichtet, häufig in der Nähe der Zechen (Bergwerke). In diesen Kokereien wurde die Steinkohle auf ca. 900 Grad erhitzt, wodurch sich das Rohgas aus der festen Kohle löst. Aus dem Gas wurden in einem weiteren Verfahren so genannte Kohlewertstoffe (Teer, Ammoniak u.v.m.) herausgelöst. Das übrig bleibende Kokereigas wurde „aufgefangen“ und in Gasometern zwischengelagert. Denn auch für dieses Abfallprodukt gab es noch Verwendungen. So wurde es z. B. in Walzwerken verfeuert.

Nach dem Entziehen des Gases aus der Steinkohle bleibt als feste, porige Masse das Koks, das zum Erschmelzen des Roheisens benötigt wurde. In einem Verfahren wurden Koks und Eisenerz im Hochofen auf ca. 2000 Grad erhitzt und in flüssiges Roheisen verwandelt. Die Verwandlung

vom Roheisen zum Stahl geschah im sogenannten Konverter (einem riesigen Tiegel), indem dem flüssigen Roheisen Sauerstoff zugeführt wird („Frischen“) und dadurch der überschüssige Kohlenstoff aus dem Roheisen herausoxidiert wird. Der flüssige Stahl wurde anschließend in Formen gegossen, um Halbwaren (Bleche, Stangen, Rohre usw.) zu erzeugen.

Die Liste der industriellen Anlagen zur Verarbeitung der Kohle ist lang: Kokereien (zur Kokserzeugung), Hüttenwerke (um Roheisen zu gewinnen), Stahlwerke (machen aus dem Roheisen Stahl), Gießereien (stellen aus flüssigem Stahl Halbzeuge her), Walzwerke (stellen aus den Halbzeugen das Fertigprodukt her) und Nebenanlagen.

 

 

 

 

Man kann sich vorstellen, wie viel Fläche im Ruhrgebiet allein für diese Anlagen benötigt wurden. Aber damit nicht genug: Bergehalden, die Werkssiedlungen, ein dichtes Netz von Schienensträngen und Bahndämmen, Abwasserkanäle, Hochspannungsleitungen und manches mehr kamen hinzu und prägten und prägen noch heute das Erscheinungsbild des Ruhrgebietes.

Nur, der Kreislauf ist gebrochen. Das Antriebsmittel Kohle wird fast nicht mehr gehoben und auch die Stahlerzeugung befindet sich im Rückwärtsgang. Im Jahre 1989 schrieb die Zeitschrift Wirtschaftswoche: „Halb noch im Rost und Schlacke gefangen, halb auf dem Sprung nach Übermorgen; keine zweite Region in Deutschland wandelt sich so radikal wie das Ruhrgebiet. Zwischen Trümmern der alten Industrie blühen Hightech-Betriebe und Forschungslabors“.

Die Zukunft: Die Produktionsanlagen und Bergwerke, die nicht mehr für ihren eigentlichen Zweck benötigt werden — und das sind sehr viele — werden und wurden zu Industriedenkmälern umfunktioniert. Hier gibt es dann Anschauungsunterricht, wie es einmal mit der Gewinnung und der Verarbeitung der Steinkohle im Ruhrgebiet war. Auch finden in diesen ehemaligen Bergwerken, die die Basis der Industriekultur im Revier bilden, musikalische Aufführungen und Ausstellungen statt. Darüber hinaus gibt es „geräumte“ Flächen, die auf eine Nutzung warten bzw. schon einer neuen zugeführt wurden. Es kann dann auch in folgende Richtung gehen: auf dem Brachgelände der ehemaligen Gutehoffnungshütte (GHH) in Oberhausen ist Europas grösster Freizeit- und Konsumtempel entstanden. Es kann und ging aber auch in eine Richtung, und damit sind wir endlich beim Radfahren, die uns Radler sehr erfreut. Denn eine nicht unerhebliche Anzahl der ausgedienten Eisenbahntrassen hat man zu Radwegen umfunktioniert. Tolle Strecken warten auf den Radler. Dabei rollt man, so wie der ehemalige Industriezugverkehr eben auch, kreuzungsfrei durch das Revier. Oben, auf dem Bahndamm, wird gefahren und wir schauen entspannt ins vergangene Industriezeitalter.

Neben diesen tollen Bahnradwegen haben wir noch den Ruhrradweg, den wir in seinen schönsten Abschnitten beradeln.

Doch jetzt zum Tourenablauf.

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