Von See zu See im bayerischen Voralpenland
Diese Radreise ist sicher eine besonders schöne. Sie führt uns nach Oberbayern in eine Bilderbuchlandschaft. Zwischen der südlichen Randlage Münchens und dem Murnauer Moos, etwa 30 Kilometer vor Garmisch-Partenkirchen gelegen, sind wir radelnd unterwegs. Es ist ein riesiges Landschaftsbecken, das von der Bergkulisse der Alpen eingerahmt wird. Zeit und Muße zu haben, das ist man dieser wundervollen Natur schuldig. Deshalb sind bei dieser Radreise auch keine Rekorde zu brechen. Genussvolles wartet an jeder Ecke auf aufmerksame Augen, die verweilen.
„Wer gern gemütlich radelt, kann dazwischen über sanfte Hügel schaukeln.“ Dieser Satz stammt nicht von mir. Ich habe ihn aus dem Kompass-Reiseführer abgeschrieben. Er macht deutlich, wie hier das Radelumfeld ist.
Mit „dazwischen“ sind die vielen Seen gemeint, die zum Reichtum der Landschaft und zum Gelingen unserer Tour einen entscheidenden Beitrag leisten. Die Gletscher der letzten Eiszeiten reichten von den Alpen bis weit ins nördliche Land hinein. Vor 20 000 Jahren lag das mächtige Eis bis auf Höhe des heutigen Münchens. Beim Vordringen der gewaltigen Eiskörper wirkten unvorstellbare Kräfte. Erdmassen wurden ausgeschürft, vor sich her geschoben und zur Seite gedrückt. Andere, festere Bodenelemente trotzten der Gewalt und wurden vom Eis umströmt. Wir kennen das von den skandinavischen Gletschern, die Mecklenburg ein neues und - wie wir es selbst gesehen haben - wunderschönes Erscheinungsbild beschert haben. Jedoch, nichts bleibt, wie es ist. Der Natur gefiel es, wärmere Tage heraufziehen zu lassen und aus Eis wurde Wasser, das fließen musste - es sei denn, es fand in einer vom Eis ausgeschälten Mulde eine Heimat. Die Enteisung hat längst das Voralpenland verlassen und klettert auf immer größere Höhen in den Alpen. Wir radeln und schauen auf einen Zwischenzustand der letzen Eiszeit, und der ist ganz wunderbar. Denn die Seen sind geblieben, auch wenn sie einst viel größer waren. Verlandungsprozesse riefen winzige Moospflänzchen auf den Plan und ließen die Moore um Murnau und Benediktbeuren wachsen. Es sind Flächen beträchtlichen Ausmaßes, die glücklicherweise unter Naturschutz stehen und die einen Lebensraum für Pflanzen und Tiere bieten, die man anderswo kaum noch antrifft.
Ja, hier lässt es sich radeln und auch leben. Das dachten sich auch andere Menschen, wie zum Beispiel der bedeutende österreichische Schriftsteller Ödön von Horváth, der sich in „das Land vor den Alpen“ verliebte und mit seinen Eltern 1924 in ein Murnauer Landhaus einzog. Auch Wassily Kandinsky und Gabriele Münter, beide Mitglieder der expressionistischen Münchner Malergruppe „Der Blaue Reiter“, fühlten sich in Murnau wohl. Kein Wunder, denn die tollsten Motive lagen direkt vor ihrer Haustür.
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